Merkblatt für Schwangere

 

Merkblatt zur vorgeburtlichen Diagnostik und Therapie bei Adrenogenitalem Syndrom

 


Grundsätzlich sollte schon vor einer Schwangerschaft von
• Eltern, die schon ein AGS-Kind haben
• Frauen, die selbst AGS haben und ihren Partnern
• Geschwistern von AGS-Patienten und ihren Partnern
• Geschwistern von betroffenen Eltern (Trägern)
die Überträgerschaft genetisch abgeklärt sein.

 

Man sollte, wenn man weiß, daß man einmal Kinder haben möchte, die genetische Untersuchung in Ruhe und ohne Zeitdruck lange vor einer geplanten Schwangerschaft durchführen lassen. Eine rechtzeitige Beratung durch einen Humangenetiker ist wichtig, um den Zeitablauf und die Vorgehensweise der pränatalen Diagnostik und Therapie zu koordinieren.



Molekulargenetische Untersuchung


Beim Hausarzt oder Kinderendokrinologen, der das erste AGS-Kind betreut oder beim Frauenarzt, der die Schwangerschaft begleiten wird, sollte man Blut abnehmen lassen.
Es werden 5 ml EDTA-Blut (rotes Blutbildröhrchen) benötigt, die ungekühlt auf dem Postweg versendet werden können. Für eine genetische Untersuchung wird eine gewisse Anzahl von intakten Zellen benötigt, die im Serum nicht mehr enthalten sind. Röhrchen, die für eine Blutsenkungsgeschwindigkeit verwendet werden, sind für eine genetische Analyse nicht geeignet.

 

Vom niedergelassenen Arzt sollte die Blutprobe mit einem Überweisungsschein Muster 6 an ein erfahrenes Molekulargenetisches Labor mit Spezialisierung auf AGS versendet werden. Bitte erkundigen Sie sich im Vorfeld sehr genau darüber!

 

Sind beide Elternteile Überträger (z.B. Eltern, die schon ein Kind mit AGS haben oder Geschwister von AGS-Patienten, die Überträger sind und einen Partner haben, der auch Überträger ist), so ist die Wahrscheinlichkeit bei jeder Schwangerschaft 25%, dass das Kind AGS hat (autosomal rezessiver Erbgang).
Hat die werdende Mutter selbst AGS und ihr Mann ist Überträger, so ist die Wahrscheinlichkeit ein Kind mit AGS zu bekommenbei jeder Schwangerschaft 50% .



Therapiegrund


Die vorgeburtliche Therapie ist relevant für Mädchen mit AGS.
Mädchen vermännlichen aufgrund der Stoffwechselstörung in der Nebennierenrinde vorgeburtlich zusehends, was bis zum vollständig männlichen Erscheinungsbild reichen kann. Auch heute noch gibt es Mädchen, die bei der Geburt als Jungen verkannt werden.

 

Die Geschlechtsdifferenzierung eines Kindes im Mutterleib erfolgt in den ersten 6-12 Schwangerschaftswochen, in einem Zeitraum also, in dem viele Mütter die Schwangerschaft erst wahrnehmen.
Wird dem Kind in diesem Zeitraum das fehlende Cortison über die Mutter zugeführt (via Plazenta), kann die kindliche Nebenniere ruhig gestellt und eine Vermännlichung bei einem Mädchen verringert und manchmal vollständig verhindert werden. Wird dies versäumt, ist nur noch eine schwierige chirurgische Genitalkorrektur bei diesen Mädchen möglich. Man kann also mit einer vorgeburtlichen Therapie AGS-Mädchen behandeln und somit die komplizierte chirurgische Therapie ersparen.



Vorgeburtliche Therapie


Die vorgeburtliche Therapie muss so früh wie möglich beginnen, am besten sofort nach Bekanntwerden der Schwangerschaft!
Die Therapie muss mit einem plazentagängigen Cortison erfolgen, also Dexamethason. Die Behandlung erfolgt meist in einer tägl. Dosierung von 3 x 0,5 mg Dexamethason (oder 20 µg/kg/d).

 

AGS-Patientinnen, die bis zur Schwangerschaft auf Hydrocortison eingestellt waren, müssen in der Schwangerschaft auf Dexamethason umgestellt werden, wenn Sie ein erhöhtes Risiko für ein eigenes AGS-Kind haben.

 

Beginnt die Therapie zu spät, also nach der embryonalen Differenzierung des äusseren Genitals, bzw. nach der 12. Schwangerschaftswoche oder erst wenn die vorgeburtliche Diagnostik des Kindes abgeschlossen ist, ist eine Therapie nicht mehr indiziert, weil dann die Virilisierung des Mädchens bereits abgeschlossen ist!

 

Wichtig!: Der Informationsaustausch und eine enge Zusammenarbeit zwischen den Eltern und allen beteiligten Ärzten (Gynäkologe, Hausarzt, Pädiatrischer Endokrinologe, Humangenetiker) ist wichtig, um den Erfolg der Therapie zu sichern.



Die Vorgehensweise


Weiss eine Frau mit dem Risiko ein AGS-Kind zu bekommen, daß sie schwanger ist, sollte sie sofort auf Dexamethason 3 x 0,5 mg eingestellt werden. Da zu diesem Zeitpunkt noch keine kindlichen Zellen entnommen werden können, wird vorerst einmal blind behandelt!
Ab der 9.-10. Schwangerschaftswoche sollten dann kindliche Zellen via Chorionzottenbiopsie (oder ab der 14. Schwangerschaftswoche via Amniozentese) entnommen und genetisch untersucht werden. Aufgrund der früheren Diagnosestellung wird die Chorionzottenbiopsie eher empfohlen.

 

• Ist das Kind ein Mädchen mit klassischem AGS, wird bis zum Ende der Schwangerschaft über die Mutter therapiert. Nach der Geburt muss das Mädchen natürlich auch sofort weiterbehandelt werden.

 

• Ist das Kind ein Mädchen ohne AGS oder mit einer nicht-klassischen AGS-Form kann die Therapie über die Mutter beendet werden.

 

• Ist das Kind ein Junge, (egal ob mit oder ohne AGS) kann die Therapie an der Mutter abgebrochen werden.

 

• Sollte der Junge eine klassische AGS-Form haben, muss das Kind nach der Geburt sofort in Behandlung um eine lebensbedrohliche Salzverlustkrise zu verhindern. Es ist schon vorgekommen, dass Jungen trotz erfolgter vorgeburtlicher Diagnostik zu spät behandelt wurden und in eine Salzverlustkrise geraten sind.



Medizinische Unterstützung


Es ist also für alle Beteiligten, sowohl für die Mütter, als auch für die betreuenden Frauenärzte wichtig, sich über die Zeiträume und Vorgehensweisen zur vorgeburtlichen Therapie beim AGS intensiv zu informieren.

 

Wenden Sie sich bei Fragen an:
Prof. Dr. Helmut G. Dörr
Abt. Endokrinologie der Universitätskinderklinik
Loschgestr. 15
91054 Erlangen
Telefon 09131/8533732

 

 

Nebenwirkungen


Folgende Nebenwirkungen können bei den Müttern auftreten:

 

• Gewichtszunahme
• Wasseransammlungen
• Bluthochdruck, etc.
(weitere sind bei Prof. Dr. Dörr zu erfragen)

 

Die Nebenwirkungen sind selten und gehen nach Absetzen des „Cortisons“ wieder zurück.
Die Schwangerschaft muss engmaschig vom betreuenden Gynäkologen kontrolliert werden. Laborwert (wie Cortisol und Estriol etc.) sollten bei der Mutter in regelmäßigen Abständen abgenommen werden. Außerdem sollte die Schwangerschaft gut dokumentiert werden.

 

Sicherheitshalber sollte am Ende der Therapie das Dexamethason bei der Mutter ausgeschlichen werden, damit sich keine Nebennierenrinden-Unterfunktion einstellt.

 

Das Merkblatt erhebt keinen Abspruch auf Vollständigkeit. Bitte wenden Sie sich bei Fragen an obengenannte Adressen.